Flugzeugabstürze in Campemoor

Ergebnisse von Zeitzeugen-Befragungen, 02.03.2002

Quellen:
1)laut Aussage von Anny Ostendorf, geb. 10.10.1913, Campemoor 32
2)bis 9) laut Aussagen von Heinz Finke, geb. Juli 1930, Campemoor 14 und Willi Meyer, geb. 21.07.1929, Campemoor 53. Beide haben die Entwicklung von Campemoor bewußt miterlebt und mitgestaltet; Heinz Finke ist in Campemoor geboren; Willi Meyer in Kalkriese, er kam als kleines Kind mit seinen Eltern nach Campemoor.

1) hinter dem Anwesen Kuhl (heute Hensing), etwa 1944

2) hinter dem Anwesen Evers (heute Wiese), Okt./Nov. 1944

3) bei Finke, Frühjahr 1944

4) bei Fortmann, Palmsonntag 1944

5) hinter Kettler, Vennermoor

6) bei Wernke

7) hinter Selle, Vennermoor, kurz vor Kriegsende

8) hinter Remme

9) weitere Erlebnisse und Berichte von Heinz Finke und Willi Meyer

1) hinter dem Anwesen Kuhl (heute Hensing), etwa 1944

Anny Ostendorf lebte damals auf ihrer Siedlerstelle zusammen mit ihrem Schwiegervater, den Kindern, einem Ukrainermädchen und einem Polen. Ihr Mann war 1943 eingezogen worden.

Gegenüber, auf der Siedlerstelle Gefe, war der Großvater des heutigen Eigentümers Fritz Gefe gestorben. Am Tag, als die Beerdigung stattfinden sollte, hatten sich die Angehörigen und Nachbarn im Trauerhaus versammelt. Plötzlich kreiste ein deutsches Flugzeug, das getroffen worden war, über dem Gebiet. Die ganze Trauergesellschaft ging nach draußen, um zu sehen, wo das Flugzeug runtergehen würde. Die Trauerfeier wurde unterbrochen.Jeder hoffte, dass das eigene Haus nicht getroffen würde.

Hinter dem Anwesen Kuhl (heute Hensing) befand sich eine Baracke, in der Soldaten übernachteten. Ein Soldat wurde von Anny Ostendorf verköstigt. Mit ihm schrieb sie sich nach dem Krieg noch Briefe, als er in seine süddeutsche Heimat zurückgekehrt war.

Das Flugzeug fiel genau auf die Baracke und zerstörte sie. Die Besatzung soll sich gerettet haben. Was aus ihr wurde, ist Anny Ostendorf nicht in Erinnerung. Die Trümmer des Flugzeugs wurden beseitigt. Es dürften heute keine Spuren mehr zu finden sein.

Die Beerdigung des alten Gefe fand dann doch noch am selben Tage statt. Er wurde mit Pferd und Wagen in seine alte Heimat Hüde bei Lemförde überführt.

2) hinter dem Anwesen Evers (heute Wiese), Okt./Nov. 1944

Heinz Finke war auf einem Acker, um Kartoffeln nachzusuchen. Willi Meyer war zu dieser Zeit nicht in Campemoor. Er war als 15jähriger im Emsland zum Schanzen eingesetzt. Heinz Finke beobachtete den Abschuss eines englischen Flugzeugs über Campemoor durch die in Achmer stationierte deutsche Luftwaffe und sah das Flugzeug ins Moor stürzen. Die Absturzstelle liegt genau auf dem Weg, der heute von der Straße Campemoor-Ahe hinter dem Anwesen Haarmeyer (heute Steiner) links in das Abtorfungsgebiet abzweigt, ungefähr auf Höhe des Anwesens Evers (heute Wiese). Heinz Finke fuhr sofort zur Absturzstelle und wurde so Augenzeuge des weiteren Geschehens. Die Mannschaft hatte sich offenbar vollzählig retten können und war auf einer Wiese gegenüber dem Anwesen Schwingel abgesprungen.

Von dem Bauern Heinrich Stuckwisch aus Niewedde erfuhr Willi Meyer dazu ergänzend, dass er (Stuckwisch) zu dieser Zeit als Soldat auf dem Flugplatz in Vörden bei der Luftwaffe stationiert war. Die Vördener Besatzung wollte die Mannschaft gefangen nehmen. Als sie an der Absturzstelle ankamen, war bereits die Waffen-SS vor Ort. Sie war in einem Lager in Vennermoor stationiert, an der Straße Verlängerung Lutterdamm nach Hunteburg gelegen, in der Nähe der heutigen Gastwirtschaft Tiesing. Man konnte erkennen, dass die Besatzung wohl aus Angst „lieber“ von der Luftwaffe verhaftet worden wäre. Aber die Waffen-SS nahm der Luftwaffe die Gefangenen ab und kam der Luftwaffe so mit der Verhaftung zuvor. Die Mannschaft wurde mitgenommen zum Lager in Vennermoor. Über ihr weiteres Schicksal ist in Campemoor nichts bekannt geworden.

Der deutsche Jagdflieger, der die Maschine abgeschossen hatte, kam auf einem schweren Krad angefahren und wollte das „Ergebnis” seiner Heldentat ansehen, aber die Mannschaft war zu diesem Zeitpunkt bereits abgeführt.

Das Flugzeug war völlig im Moor versunken bis auf den Sand und dürfte in etwa 3 bis 5 Meter Tiefe gelegen haben. Das Loch, das es gerissen hatte, war lange Zeit noch zu sehen. Die Fläche, wo es einschlug, wurde in den letzten 10 Jahren abgetorft. Nach Meinung von Willi Meyer und Heinz Finke würde man heute keine Reste von dem Flugzeug mehr finden.

3) bei Finke, Frühjahr 1944

Auch dieses Geschehen hat Heinz Finke bewusst miterlebt. Es war einige Tage vor seiner und Willi Meyers Konfirmation, spät abends. Heinz Finke stand draußen und konnte einen Luftkampf direkt über Campemoor beobachten, etwa im Gebiet zwischen den Anwesen Meyer und Sauf. Ein englisches Flugzeug wurde getroffen und explodierte bald danach in der Luft. Die Einzelteile lagen verstreut auf den Ländereien zwischen den Anwesen Finke und Sauf. Bei Sauf war z. B. eine Tragfläche heruntergekommen, bei Finke einer der Motoren. Er brannte noch tagelang. „Mit den unbeschädigten Teilen wussten wir aber nichts anzufangen.”

Die Maschine hatte 9 Mann Besatzung. Nur einer konnte sich retten. Er berichtete nach seiner Verhaftung, dass es eine Rangfolge gegeben habe, in der die Mannschaft abspringen durfte. Weil er der erste war, hatte er Glück und überlebte. Weil gleichzeitig eine brennende Tragfläche zu Boden fiel, erleuchtete sie den Himmel und Willi Meyer konnte dadurch den Fallschirm mit dem herunterkommenden Engländer sehen. Er landete auf einem Grundstück von Duffe am Westruper Weg und versteckte sich in einer Heuscheune von Allöder-Remme. Der französische Kriegsgefangene von Allöder fand ihn am nächsten Morgen. Die Vördener Flugplatzbesatzung verhaftete ihn. Er sprach Deutsch. Jost Evers, der erste Siedler in Campemoor (1922), war zugegen und der Engländer fragte ihn: „Wo sind meine Kameraden?”. Die Antwort von Evers war: „alle tot!”.

Die acht toten Besatzungsmitglieder lagen überall verstreut. Heinz Finke (als Vierzehnjähriger!) barg sie und fuhr sie zusammen. Einer war in einen Graben gestürzt, nur der Stiefel ragte noch heraus. Einen anderen fand er sitzend in einer Weide. Auf dem Anwesen Vennemann wurden die Toten aufgebahrt und von der deutschen Beerdigungskommission abgeholt.

4) bei Fortmann, Palmsonntag 1944

Hier ging eine deutsche Maschine zu Boden. Man sagte, die Deutschen seien an diesem Tag zu spät aufgestiegen und dadurch gegenüber den Engländern im Nachteil gewesen. Die Besatzung konnte sich mit dem Fallschirm retten.

5) hinter Kettler, Vennermoor

Auch hier ist eine deutsche Maschine niedergegangen. Auch hier waren die Deutschen wohl zu spät aufgestiegen, konnten sich aber mit dem Fallschirm retten.

6) bei Wernke

Nördlich der Straße Campemoor-Vörden unweit der heutigen scharfen Rechtskurve in der Nähe des Anwesens Wernke ging ebenfalls ein Flugzeug nieder. Den beiden Zeitzeugen ist hierzu nichts weiter bekannt, außer, dass auch in diesem Fall die Besatzung überlebte.

7) hinter Selle, Vennermoor, kurz vor Kriegsende

Am Westruper Weg hinter Selle kam eine deutsche oder englische Maschine im Moor herunter. Hermann Selle hatte einen Flugzeugreifen freigelegt, um ihn zu verwerten. Als er nach dem Mittagessen wieder an die Absturzstelle kam, um den Reifen zu bergen, war er verschwunden.

8) hinter Remme

Hier kam einmal ein verwundeter Engländer herunter.

9) weitere Erlebnisse und Berichte von Heinz Finke und Willi Meyer

Der erste Flugzeugabsturz in dieser Region ereignete sich 1939 gleich nach Kriegsanfang, als am Voßberg ein englischer Aufklärer abgeschossen wurde.

Heinz Finke beobachtete von Campemoor aus auch den Abschuß des berühmten deutschen (österreichischen?) Fliegers Nowotny 1943. Er war Jagdflieger und sollte in diesem Kampf die Engländer abschießen. „Aber die Engländer kauften ihm den Schneid ab und schossen ihn ab.”

Hinter dem Anwesen Eckelmann, Campemoor, im sogenannten „Kreismoor” gab es einen Scheinflugplatz. Hier standen Flugzeuge aus Pappe, die von einer auf dem Anwesen Rotert (heute Friedhelm Rotert) befindlichen Baracke aus nachts angestrahlt wurden. Dieser „Flugplatz” wurde aber nie bombadiert, die Engländer fielen offenbar nicht darauf rein.

Nach dem Krieg (1945) kam ein betrunkener Engländer vom Flugplatz Vörden den Westruper Weg entlang bei Willi Finke (der andere Finke, an der „Wilhelmstraße” nach Kalkriese gelegen) an. Finken Opa bot ihm Eier an, der Engländer warf ihm aber gleich das Tablett aus der Hand und schoss scharf; die Schußlöcher waren in der Hauswand zu sehen. Finken Opa blieb aber unverletzt. Der Betrunkene trieb sich die ganze Nacht in Campemoor herum. Zuletzt war er bei Knebel (heute Stahl) und sperrte die jungverheirateten Walter und Martha Knebel in ihrem Schlafzimmer ein, indem er einen Besen vor die Tür stemmte und mit dem Riemen einer Nähmaschine befestigte. Dann warf er den Vater von Walter Knebel aus dem Bett. Er musste ihn durch das ganze Haus führen. Irgendwann in dieser Nacht verlor er sogar seine Maschinenpistole. Sie wurde später zwischen den Anwesen Meyer und Duffe gefunden. Willi Finke und der Vater von Willi Meyer fuhren zum von der Besatzungsmacht eingesetzten Bürgermeister von Vörden, Friedrich Möller. Dieser setzte sich mit der englischen Flugplatzbesatzung in Verbindung. Ein englischer Offizier holte den Soldaten dann von Knebel ab. Finke und Meyer begleiteten ihn und besprachen die Vorfälle mit ihm. Der englische Offizier meinte entschuldigend: „Waren Sie auch Soldat? Ist bei Ihnen nicht auch schon so etwas vorgefallen?”